Photo by Mirko Glaser

Photo by Mirko Glaser

Die Wahrheit hat keine Temperatur.

HESH rezensiert The Counselor von Cormac McCarthy.

“In Mexiko verstanden sie, daß Würde zu den Regeln für das Sterben gehörte.”
David Ferrie in Libra von Don DeLillo

“Die Wahrheit hat keine Temperatur.”
Malkina in …

 The Counselor von Cormac McCarthy

 

In seinem literarischen Werk, verweist der Mann in beeindruckender Regelmäßigkeit auf die verstörende Tatsache, dass es den Bezug zwischen Gut und Böse – so wie wir ihn aus den Märchen kennen – in Wahrheit nicht einmal in den Märchen gibt. Mr. McCarthy, der mit Joseph, dem berüchtigten Kommunistenjäger, immerhin den Nachnamen gemein hat, rettet zusammen mit James Lee Burke, Pete Dexter, Donald Ray Pollock und zuletzt Nick Pizzolatto, das Erbe Jim Thompson’s hinüber, bis in unsere Gegenwart.

Über Truman Capote schrieb ich in einem Essay zu Music for Chameleons: “Er beschreibt was passiert, aber er wertet es nicht.”  Immerhin entschied Capote, worüber er schrieb. Auch in der Auswahl, kann eine Wertung liegen.

Die Geschichten Cormac McCarthy’s lesen sich, als hätten sie ihn, den Autor, auserwählt. Biblisch, endgültig kommen sie daher, als wären sie lange vor ihm, als dem Erzähler, in uns allen bereits angelegt.

The Counselor

Das neue Buch ist in Form eines Drehbuches erschienen. 120 Seiten – viel zu sagen. Wo der Autor sparen kann, schreibt er schlicht die Bilder hin. Du siehst jede Einstellung. Auch: Es gibt Songs, die sollte man laut hören – McCarthy liest sich höllenhündisch, wenn es draußen heiß ist.

Als das Buch in den Innenradius trat, war der erste Gedanke: ‘Krass, die selbe Geschichte wie in No Country for Old Men. Schuld und Sühne. Ursache und Wirkung – du machst einen Fehler – und musst bezahlen. Mit allem, was du hast …’.  

Mein Freund Mr. Glaser wies auf den Irrtum hin: “Nee Mann, da geht’s um Komplett-Verarsche!”

Der Counselor steht in dem Ruf, das Richtige für die falschen Leute zu tun. Ein Counselor ist zu deutsch: Ein Anwalt. Näher an der Wahrheit ist das Wort Rechtsbeistand, frei nach der Devise: “Ich gewähre dir Beistand gegen das Recht, aber denk daran, meine Anzüge sind teuer, Buddy”.

Alles beginnt mit Bettgeflüster. Verbalsex unter weißen Laken. Der Counselor fliegt voll auf Laura. Also fliegt er nach Amsterdam, der Verlobungsring soll schließlich mit Diamanten besetzt sein.

Der Diamantenhändler ist ein sehr spezieller Kauz: Er liebt diese harten Gallensteinchen von Mutter Erde, aber er fürchtet sie auch. Vor allem, was Menschen in deren Bann zu tun bereit sind. Wenn man seine Zeit auf Erden in ihrer Nähe verlebt und von ihnen abhängig ist, bekommt man sein Lied gesungen –  mitleidiges Gelächter, zieht von hohen Klostermauern herüber. Illusionslos und müde, von den Mysterien des Lebens elektrisiert und nie wirklich vom Haken gelassen, war er mit den Jahren zu einem weisen Mann geworden. Schlicht, weil er überlebt hatte und zu klug war, um sich selbst in die Tasche zu lügen.  Nun schwebt der Diamantenhändler über den Dingen und seiner Kasse, ein Orakel im Spannungsfeld zwischen Ewigem und Vergänglichen, und entscheidet sich für zweierlei: Er warnt den Counselor, und verkauft ihm das bläulich glitzernde Prisma, der Counselor argumentiert überzeugend, er müsse es unbedingt haben.

Zurück in LA, nimmt die dunkle Schöne des Counselor’s Heiratsantrag an. Auf einer Party wirft Drogenkönig Reiner dem Counselor vor, seine Position nicht genügend auszunutzen, wenn er seine Position schon ständig ausnutze …

Alles klar und in die Hände gespuckt: Der Counselor trifft sich mit einem Mann namens Westray, um die Details der finanziellen Beteiligung an einem Drogendeal durchzugehen. Westray rät ihm von dem Geschäft mit der mexikanischen Drogenmafia ab. Obwohl es, als Mittelsmann von Reiner, eigentlich sein Job ist, genau das Gegenteil zu tun. Kein Problem – der Counselor geht auf den Deal ein.

Ich blätterte zurück. Las es noch einmal. Wie kleine Risse von scharfkantigen Metallspänen auf altem Zeitungspapier, lagen Widersprüchlichkeiten über diesen knappen Zeilen. So als könnten diverse Beteiligte noch zurückziehen, sich anders entscheiden, und die Finger davon lassen. Bald darauf fällt das Kind, ich meine natürlich, der Counselor, dann doch durch den Rost des Gezeitenstroms: Nun läuft alles folgerichtig. Bis zum bitteren Ende.

Die Drogenladung kommt abhanden, das Kartell macht den Counselor verantwortlich. Reiner wird ermordet, später auch Westray. Letzterer auf eine Weise, welche aufgrund ihrer fantasievollen, sowie unfassbar bestialischen Art das Zeug dazu hätte, a.)  Filmgeschichte zu schreiben, und b.), Mr. Tarantino vor Neid mal etwas Farbe auf seine blassen Wangen zu zaubern.

Irgendwann stellt sich heraus, dass Malkina – Reiner’s nymphomanische wie skrupellose Freundin – eine Intrige gesponnen hat, um sich die Drogenlieferung samt der dafür gezahlten Kohle, also quasi alles, unter ihre langen Fingernägel zu reißen …

Laura, die Verlobte des Counselors, wird vom Kartell entführt. Trotz verzweifelter Bemühungen, scheitert er darin sie zurückzubekommen. Die junge Frau landet tot auf der nächsten Müllkippe.

Der Counselor sitzt unterdessen in einer beschissenen Gegend, in einem noch beschisseneren Hotelzimmer, und darf sich ein Snuff-Video mit Laura in der Hauptrolle reinziehen. Die Handlung besteht – ganz wie es sich für solch ein Filmchen gehört – lediglich darin in farbenfrohen Bildern zu schildern, wie die große Liebe seines Lebens erst genüsslich gefoltert und anschließend wie ein Stück Vieh abgeschlachtet wird.

Der Treppenwitz: Der Counselor wird nicht umgebracht. Es ist der vielleicht grausamste Schachzug und die ultimative Verhöhnung. Er soll den Verlust spüren. Wie kann das Spaß machen, wenn er tot ist? Der Capo eines Drogenkartells kauft sich, was er haben will. Alles, was für Geld zu haben ist. Aber das ist ja nicht … alles. Eine ganz spezielle Art morbiden Humors, kann da manchmal zu einem essentiellen Teil des Unterhaltungsprogramms werden …

“Das Entscheidende ist nicht, dass man untergeht, Counselor. Sondern was man dabei mitnimmt.” Die Worte Westray’s, bei ihrem ersten Treffen.

Bis auf Mrs. MG, M für Malkina, G für G-Point, erscheinen die handelnden Personen in The Counselor eher wie Gehandelte. Fallend oder gefallen. Mausi & Dead. Einige von ihnen haben den Mut sich mitzuteilen, sie halten fest an der Illusion, jemandem vielleicht noch etwas mit auf den Weg geben zu können. Sie selbst sind viel zu lange dabei, und des Spiels überdrüssig. Diese tragischen, aber auch seltsam frei wirkenden Figuren, sehen das Nichts, hinter all dem bunten Geplapper von einem Sinn.

Am Ende – ist es Malkina. Es war immer Malkina. In einem Büropalast aus Glas und Stahl irgendwo in Europa. Hauchdünne Laptops, ihre wunderschön manikürten Hände transferieren die Millionen für die ganze Nummer – auf ihre Nummernkonten.

In einer der letzten Szenen, sitzt sie mit einem Mann mit zu viel Pomade im Haar in einem Restaurant. Sie mustert ihn wie die Katze ein Küken, welches noch nicht fliegen kann. Sie denkt daran, nach China zu gehen, dort in großem Stil zu investieren. Ihr Appetit ist ungebrochen.

Mr. McCarthy schreibt ein Drehbuch, Hollywood schickt einen seiner smarten Jungs vorbei. Die eisig geradlinige Verfilmung von Ridley Scott buhlt nicht um Wohlwollen. Das Bild von Laura’s Überresten als Müll auf der Müllkippe, lässt trocken schlucken. Spätestens jetzt ist klar: Die meinen es ernst. Nix mit Oscar, nennenswertem Popcorn- oder später, reißendem Blue-Ray-Umsatz. Das Wunder einer Herzensangelegenheit. Wow: Kunst! Who cares?

Beleidigte Kommentare ließen nicht auf sich warten, es war die Rede von: “Philosophisch überfrachteten Dialogen des Pulitzer-Preisträgers Cormac McCarthy. Der Film wäre anstrengend, selbst Mr. Scott hätte seine Mühe gehabt, daraus einen spannenden Handlungsverlauf zu zimmern …”.  

Sicher, die sparsame Beschreibung der Szenerie, die Wortkargheit von Killern, Scheiße-Lastwagen-Fahrern und einer ganzen Armee von  verschwitzten “den fucking Job erledigenden Narcotraficantes”, steht auf den ersten Blick in krassem Gegensatz zur gebildeten, reflektierten Sprache der Handlungsträger, für die das Studio einen Hollywoodstar springen lässt. Als da wären: Cameron Diaz als Malkina, Michael Fassbender als der Counselor, Penelope Cruz als Laura, ihr Ehemannn im wirklichen Leben Javier Bardem als Reiner, sowie Brad Pitt als Westray. Bruno Ganz ist in einer grandiosen Nebenrolle als Diamantenhändler zu erleben. Ob auch Mr. McCarthy höchstselbst irgendwann für die Besetzung dieser Figur in Frage kam? Google verweist auf Lee Child und lenkt vom Thema ab.

Irgendwann läuft der Abspann. Ich will raus in die Nachtstadt, ab ins Blue Note, wo die Frauen warm und weich, von mir aus widerspenstig, oder klar – die Oberhärte, nicht interessiert sind. Hauptsache, sie sind am Leben.

Wir. Die. Ich – trinken, schweigen, glotzen.
Nachdenken.
Der vergebliche Versuch damit aufzuhören und endlich runterzukommen …

Wir wissen, dass es wilde Tiere gibt, da draußen. Widerwillig gestehen wir uns ein, wie gottverdammt zerbrechlich wir sind. Man legt sich nicht mit den Falschen an. So wirkt alles friedlich. Bis zu jenem Tag X, wo man gestellt wird. Wo einem nicht erspart bleibt, für ein paar Überzeugungen, oder wenn man keine hat, auch einfach so um das nackte Leben kämpfen zu müssen: Weil man es sich nicht mehr aussuchen kann.

Was immer du in diesem Moment über das Wesen des Bösen daher rezitieren kannst, nützt dir einen Scheiß. Deine Fäuste müssen im Training sein. Du darfst nicht zögern, deine Zeit nicht mit der Hoffnung vergeuden, dass es vielleicht eine Chance gibt, einfach so davon zu kommen. Weil du vor zirka drei Jahren mal einer Omi über die Straße geholfen hast, verblendet von der Vorstellung, eine Art Vorsorge treffen zu können. Als existiere eine Balance zwischen Geben und Nehmen. In der Hoffnung, der Gott, an den du nicht einmal glaubst, würde dich als einer von den Guten zu schützen wissen.

Vergiss es.

Die Natur funktioniert nach Ursache und Wirkung, die Natur des Menschen nicht, sie ist unergründlich. Unergründlich dunkel. Wir reden uns ein, dass es nicht so ist. Wir beruhigen unsere Nerven, gehen einkaufen, leben einfach weiter.

Das freie, sich um nichts und niemanden einen Dreck scherende Radikal, lauert in jedem Einzelnen von uns. Die dunkelste Hölle. Die reine Herrlichkeit. Zweifel, Wut, Aggression – manchmal Liebe und so viel Hass: Gib mir mehr! Tanz den Mussolini! (DAF), Fütter mein Ego! (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN).

Grippe, Pest und Cholera: Was bringt dich wann, wie und auf welche Weise um? Und wie lange dauert das?

Was weiß denn ich …

Oktober 2009, ein Campground im Mesa Verde Valley in Colorado, USA: Eine offene Anlage, eine nicht verschlossene Tür, Heshie nackt, planschend in heißem Wasserdampf. Was wäre, wenn jetzt ein schwarzer Camarro in die Einfahrt …?!
Wehrlos im HOT TUB und – BLUBB.

Point Blank, nach dem Roman The Hunter von Richard Stark bzw. Donald E. Westlake, ist ein Gangsterfilm nach meinem Geschmack.

Lee Marvin brilliert in der Hauptrolle, der Mann ist verarscht worden, nun nimmt er Rache. Die Gangster sind böse, die Frauen schön. Smarte Jungs verschwenden keinen Gedanken daran, auf die Ladys zu zählen, wenn es gefährlich wird. Alle anderen üben sich in Mord und Totschlag, siehe auch: Eifersuchts- und Besitzstandswechseltragödien. Sicher, es wird eng für die Dauer der Einzahlung deiner Krankenkassenbeiträge. Vielleicht fühlt sich alles ein wenig billig an, am Ende wirkt es erfrischend klar und nachvollziehbar.  Die guten alten Zeiten.

Das Böse, das gab es auch damals schon. Seither ist die Welt um einiges komplizierter geworden. Heutzutage geht die Sache anders aus. Zumal, wenn eine smarte Bestie wie Malkina mit von der Partie ist. Cormac McCarthy erzählt es uns, in: The Counselor.

Wie sagte der Diamantenhändler?
“Im Grunde genommen, beschreibt alles was man über einen Diamanten sagen kann, einen Makel. Der vollkommene Diamant bestünde schlicht und einfach aus Licht.”

Cormac McCarthy, ist ein leuchtender Stern über Texas.

Heiko Hesh Schramm

 

Zur kompletten Sendung.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrShare on Google+