hesh on st aubyn

HESH rezensiert Schlechte Neuigkeiten von Edward St Aubyn

 

Beginnen wir mit einer schlechten Nachricht, dann haben wir das hinter uns:

In den Klappentexten der ersten drei Bücher der Romanserie um Patrick Melrose wird unverhohlen auf die Problematik der Pädophilie hingerwiesen. Dies treibt den Gruselfaktor in die Höhe – ein allseits beliebter Trick zur Verkaufsförderung. Der Mitarbeiter der Redaktion des Verlages hat alles richtig gemacht. Dass der Fokus auf dieses Thema den Leser quasi voreinstellt, sowie dessen Blick auf eine vielschichtige Lektüre einengen wird – drauf geschissen, das Leben ist für alle hart. In einer gerechten Welt würde die Leuchte, die das verzapft hat, in der Putzkollonne verrotten.
Der Schaden ist angerichtet, und so erklärt sich der Einstieg.

1.) Zum Buch:

Eine pädophile Präferenz zu haben, kann passieren. Es gibt Menschen die von sich selbst wissen, dass sie scharf darauf sind, sexuelle Handlungen an Kindern zu begehen. Darunter befinden sich auch die Eltern potentieller Opfer. Entweder, man verfügt über  Unrechtsbewusstsein und begibt sich in Therapie, geht den schweren Weg des Outings, um einem Anvertraute, Schutzbefohlene, vor dem eigenen Selbst zu schützen. Oder aber, man lebt seine Neigung aus und zerstört die Familie inklusive der Seelen aller Beteiligten. Unter den Pfaffen gibt es da eine lange Tradition – kunstvoll wurde und wird seit Jahrhunderten unter den Teppich gekehrt, wenn Papi seine Nächstenliebe allzu wörtlich nimmt. Nicht wenige in ihrer Jugend solcherart beglückte Menschen schlagen einen künstlerischen Weg ein, malen oder schreiben verzweifelt gegen den Schmerz in ihren Herzen an. Manche von ihnen enden als Vegetarier und Impfgegner völlig mittelos in Berlin, andere wiederum versuchen sich mittels Drogen auf Raten umzubringen, bekommen sich wider Erwarten irgendwann auf die Reihe, überleben, und werden sogar berühmt. Womit wir bei Edward St Aubyn wären, dem Autor von Schlechte Neuigkeiten, dem Band 2 seiner Saga um Patrick Melrose, um den es hier geht.

Kaum haben wir den Bucheinband hinter uns, schon wird’s kompliziert: Patrick’s Vater David ist, oder besser war, nicht eindeutig pädophil veranlagt. Er bringt im ersten Buch Schöne Verhältnisse, Patrick’s Mutter Eleanor unter anderem dazu, wie ein Hund vom Boden zu essen, beleidigt und erniedrigt permanent die Gäste seines Hauses, meuchelt ganze Ameisenvölker im Garten mittels Wasser Marsch! aus dem Gartenschlauch, und, ja, er vergewaltigt auch seinen kleinen Jungen auf barbarische Weise – aber alles was er tut, geht für ein und die selbe Sache drauf – dem Kick an der brutalen Unterwerfung seiner gesamten Umgebung. Das Quälen aller lebender Kreaturen, derer er habhaft werden kann, ist das einzig wirksame Sedativum gegen David’s überbordenden Menschen- und Lebensekel – es ist sozusagen, seine Mission auf Erden. Mit diesbezüglichen Details ist Buch 1 mit Sicherheit ein Augenschmauß, Hesh ist jedoch vergönnt, den mittlerweile 22-jährigen, begüterten Junkie Patrick Melrose in Band 2 auf einen Kurztrip nach Manhattan zu begleiten.

David, der Vater, ist nun endlich mausetot. Er liegt in Form von Staub das ganze Buch über in einer Urne, was ihn aber nicht daran hindert, weiterhin über die Maßen dominant aufzutreten, und zwar Dank seines komplett abgefuckten Arschlochs von Sohn.

Patrick fliegt nach New York City, um die Asche seines Vaters heim zu holen. Vom Hinflug an, beginnend mit einem Geschäftsmann namens Earl Hammer, bis hin zur letzten Nacht im Hotel, welche er mit einer Frau namens Rachel verbringt, findet Mr. Melrose alles und fast jeden Menschen, der ihm über den Weg läuft, zu 110% Scheiße.

Essen und Wein, der Sex und die Babys – siehe auch: Die Liebe, desweiteren die Kriegsspiele der kleinen und der großen Jungs, und schlussendlich, die Erhabenheit der Kunst – das wäre mal so über den Daumen samt Fingernagelgeknaupel, was die Welt so zu bieten hat.

Wenn hingegen der junge Mr. Melrose im Warenkatalog des Planeten Erde herumblättert, fängt er nach kürzester Zeit an zu rasen vor Wut. Als er zwischendurch methodisch beschreiben darf, wie er sich seine Drogen beschafft und, sozusagen, einen Beipackzettel herunterzitiert, für welche speziellen Stimmungen bestimmte Arten von Rauschmitteln einzusetzen sind, da beruhigt sich das Buch auf wundersame Weise. Was allerdings nicht lange so bleibt, denn Patrick kaut, frisch vom Rausch gestärkt, sofort wieder besessen die mannigfaltigen Vorstellungen seiner Erlösung durch: Er will pausenlos und einfach so – endlich sterben. Aber egal wie sehr er sich abschießt, er bleibt immer, voll beschissen – am Leben. Und so räsoniert er nahezu auf jeder Seite des Buches darüber, den feierlichen Anlass – sprich den Tod des vehassten Vaters – gebührend würdigen zu wollen, und zwar, indem er sich ausmalt, mit den Drogen ab sofort, (siehe auch: Günther Schabowski), oder eventuell doch erst ab morgen, dann aber für immer und ein für alle mal: Schluss zu machen. Aber wo sollte so ein Schritt nur hinführen? Allein der Gedanke daran, beziehungsweise an etwas, was er sich nicht vorstellen kann, macht ihn völlig fertig …

Abgerundet wird das Höllenspektakel noch durch zwei Personen, welche Patrick nicht völlig egal sind. Mit einer davon, kommt er sogar richtig prima aus, nämlich, ups, seinem Lieblingsdealer Pierre, welcher seinerseits einmal acht Jahre in einer Irrenanstalt lebte, in der Annahme, er sei ein Ei. Bis er einfach aufstand, sich anzog und nach Hause ging. Weil er nämlich, äh, urplötzlich genug davon hatte, ein Ei zu sein. Pierre ist selbst sein bester Kunde und lebt nach strengem Ritus: Zweieinhalb Tage am Stück ist er wach. In dieser Zeit ist er erreichbar und verkauft seine Drogen, dann setzt er sich einen großen Schuss Heroin und schläft 18 Stunden lang durch. Patrick findet ihn spitze, solange der Mann ans Telefon geht.

Die zweite Person, eine junge Dame namens Marianne, lässt unseren charmanten Heroin-Hero eiskalt abblitzen. Sie durchschaut ihn:  Patrick will sie unbedingt vögeln, siehe auch, besitzen, was für den Leser insofern bemerkenswert ist, weil Mr. Melrose zumindest einmal im Buch, irgendetwas anderes will, als sich mit Heroin abzuschießen und sarkastisch durch die Gegend zu giften.

Weiter über diese Pfeife herzuziehen, delegiert Hesh jetzt nicht einfach weiter mit dem folgenden Zitat von Marianne, nein, ganz Gentleman, lässt er lediglich der Dame den Vortritt:

“Gott, dachte Marianne, warum hatte sie sich darauf eingelassen, mit diesem Typen essen zu gehen? Er las die Speisekarte, als ob er von einer hohen Brücke in eine Schlucht starrte. Der Abend würde wohl eine ziemlich mühsame Angelegenheit werden. Patrick befand sich in einem geifernden Zustand zwischen Hass und Begierde. Da konnte man fast Schuldgefühle bekommen, dass man so anziehend war.”

Und weiter heißt es:

“Der Veränderungseifer, den Patrick in ihr auslöste, würde praktisch auf ein Flächenbombardement hinauslaufen. Seine Augenschlitze, die aufgeworfenen Lippen, diese arrogante Art, wie er die eine Augenbraue krümmte, seine gebeugte, fast embryonale Körperhaltung, das bescheuerte selbstzerstörerische Melodram seines Lebens – das könnte man doch alles fröhlich entbehren? Aber was bliebe dann noch übrig, wenn man sich all dieser Scheußlichkeiten entledigte? Es war, als versuchte man sich ein Brot ohne Teig vorzustellen.”

Abschließend stellt Marianne bitter fest:

“Das lästige daran, etwas zu tun, was man nicht tun wollte, war, das einem all die Dinge bewusst wurden, die man anstelle dessen hätte tun sollen.”  

Great Job, David, warst ein toller Papa … oder ist man, oder besser Patrick, irgendwann im Leben einmal selbst dafür verantwortlich, zumindest etwas besser drauf zu kommen? Auch David hatte einen Vater. Und der … und so weiter.

Edward St Aubyn dazu im Interview:
“Letztlich haben wir es bei meinem Vater mit jemandem zu tun, der so geworden ist, wie er behandelt wurde.“

Was wissen wir eigentlich über Herrn Putin’s Daddy?
Weiter … achso, nee, das war’s in etwa, was den Inhalt des Buches angeht.

2.) Patrick Melrose, feat. Edward St Aubyn –  oder umgekehrt?

Wäre diese schwer verdauliche Story noch größere Kunst, wenn Edward St Aubyn hier nicht seine eigene beschissene Jugend veröffentlicht, sondern wenn er sich alles nur ausgedacht hätte? Nach einer behüteten Jugend irgendwo in Mittel-England? Bullshit. Klar, jeder Idiot kann ein paar winselige Liebes-Schmonzetten auf der Wandergitarre zusammennölen, wenn die Katrin weg von ihm und weg aus Friedrichroda nach Berlin abgehauen ist, um sich nun für das durchlittene Tal der Langeweile an der ganzen Nation zu rächen, indem sie Karriere bei den GRÜNEN macht.

Mr. St Aubyn dagegen hat einen Kampf ausgetragen. Er hat sich, von was auch immer getrieben, mit den Dämonen seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt. Wenn er sich das angetan haben sollte, um sich danach freier zu fühlen, so hoffe ich von Herzen für ihn, dass die Rechnung aufgegangen ist. Geld hat er genug, an einem Diskurs ist er nicht interessiert, Starallüren sind ihm auch egal.
Es war wohl notwendig.

Diese Geschichte, konnte nur er erzählen. Das Thema jedoch, ist ein Universelles, wenn auch bei den meisten Leuten deutlich weniger dramatisch angelegt: Wie gehe ich meinen eigenen Weg? Und was mache ich mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken, in den jemand einmal meinen Namen eingestickt hat, vor langer, langer Zeit?

Was im Buch anrührt – wenn man nicht gerade mal wieder kotzen muss, oder ins Bad rennt um den Eimer auszuleeren – ist, wie leidenschaftlich Patrick seinen Vater hasst, aber eben auch liebt. Weil er sich in ihm wiedererkennt, oder anders gesagt, weil er das Gefühl hat, das Wesen seines Vaters zu verstehen, und ihm dadurch, ob er will oder nicht, sehr nahe kommt. Ausgerechnet wegen seines Vaters fühlt er sich nicht völlig allein auf dieser Welt. Kaufen kann er sich dafür aber nur eine weitere prallgefüllte Tüte voller Selbsthass. Auf der anderen Seite, ist er sich so gut wie sicher, dass vielleicht niemand sonst ihn je verstehen wird, und wenn doch, ob er das  überhaupt will. Denn das würde bedeuten, wieder … verwundbar zu werden. Sich einzulassen. Und vor allem, den Nerv dazu zu haben. Er kann niemandem zuhören, kein Buch zu Ende lesen, keinen Film zu Ende sehen. Patrick Melrose zu sein, heißt: Das Wesen der Ruhelosigkeit zu leben. Wie eine Achterbahn die niemals anhält. 24 Stunden am Tag obsessiven Ekel über alles und jeden frequentierend. Nur das Heroin weiß um die Gnade, nach der er fleht – in Form einer kurzen Pause im Atomwaffenprogramm seines Hirns.

Wer bestimmt eigentlich, wie und auf welche Weise, und unter Einsatz welcher Gesten und Hilfsmittel ein Mensch versucht, Tag für Tag für Tag mit seiner inneren Verzweiflung in den Infight zu gehen?

Unerheblich dabei, ob eine (allzu) zarte Seele auf die, (definitiv) ziemlich abgefuckte Scheißwelt trifft, oder, ob jemand aus konkret erlittenem Unrecht heraus, am Leben verzweifelt. Es gibt einen Kanon, eine Art Katalog an Gesten, auf den sich die Gesellschaft mehr oder weniger geeinigt hat. Sagen wir, zwei bis vier für Hunger oder Durst, fünf für “Komma her” , oder wahlweise, “Geh weg”, dann noch einige wenige, welche speziell den Frauen, den Homosexuellen und allen Fahrradfahrern zur Verfügung stehen, für: “Nein, wir landen – jetzt, heute, nie – jedenfalls nicht zusammen in der Kiste!” Oder aber: “Vielleicht wird’s ja doch was mit uns, aber versauen kannst du’s noch jederzeit!” Das restliche Ampel-Frauchen & -Männchengehampel geht drauf für: “Ich muss mal dringend, irgendwo draußen, wo kein Klo in der Nähe ist”.

Dann ist ZICK.
Ende.

Irgendetwas richtig Krasses? Erlitten, durchlebt, wieder ausgekotzt? Ein wildes Tier, was dir von innen mitten durch die Visage bricht und sich seinen eigenen Ausdruck sucht?  Das aufgeregte Rudern dünner Ärmchen im Wind? Hey, da trägt einer den Thousand-Yard Stare mit sich herum, während Kinder in der Nähe spielen! Oder gar ein Schreien, Wüten oder Toben – mitten in unserer Stadt, in der doch noch Frieden ist, wo wir eigentlich gerade entspannt shoppen gehen wollten …?

Nee, nee, nee, nee, nee – Stop!
Ups, schnell ist’s vorrüber, die Polizei haut dir’n Gummiknüppel drüber …

Alles aus dem Rahmen fallende erhöht den hysterischen Angstpegel der Human Society, gilt augenblicklich als Sicherheitsrisiko, und wird in die Anstalt verbracht.

Wir freuen uns also für Patrick, dass er: a.) reich ist, also das Geld für Drogen hat. Und b.), dass er die Wirkungsweise von Heroin auf die Psyche überhaupt irgendwann entdeckt hat. In den Neunzigern, zu Technozeiten, wäre er vielleicht ahnungslos an Crystal Meth verreckt oder irgendwo durchgedreht, Rest: siehe oben.

Edward St. Aubyn dazu:

“Heroin zählt zu den Dingen, mit denen man Gefühle und Erinnerungen ausschalten kann. Ohne Heroin hätte ich mich umgebracht, denke ich.”

Wie wär’s denn mit abstumpfen?, Also, das wird ja auch empfohlen. In feineren Kreisen nennt man das seit der Frühindustrialisierung Gelassenheit, wohlwissend, dass das in der westlichen Welt kaum ein Mensch je hinbekam. Siehe da, und so ward der Zynismus geboren.

Gestern bei Starbucks die schöne blonde Barrista-Lady – äh, wie hängt man hier das –in dran: Barristin? Jedenfalls meinte sie bitter, mit Verweis auf einen angestrebten Jobwechsel: “Man stumpft doch ab”. Blond, wunderschön, und noch keine 30. Trotzdem sah sie merkwürdig welk aus, bei diesen Worten. Das kann’s also auch nicht sein – is’ schlecht fürs Bindegewebe.

Auch Patrick sieht in Schlechte Neuigkeiten so herausragend scheiße aus, wie er sich die ganze Zeit über benimmt. Während des Lesens wünscht man ihm manchmal von Herzen seinen goldenen Schuss, damit alle seine Wünsche auf eins in Erfüllung gehen, und man selbst seine Ruhe hat. Während Hesh diesen ketzerischen Gedanken genießt, hält er den Autor Edward St Aubyn trotzdem für ein Genie. Der Mann soll seinen Seelenfrieden finden, egal ob nur noch Grütze von ihm kommen sollte, wenn dieses Mammutwerk einmal abgeschlossen ist. Angeblich soll der vor einiger Zeit erschienene sechste Band ja der letzte sein. Will sagen, Literatur ist auch nicht alles im Leben. Die köstlich anstrengenden Bücher von Mr. St Aubyn sind zu empfehlen – vor allem Leuten, welche man insgeheim für ihre Fähigkeiten bewundert, die man aber eigentlich gar nicht leiden kann …

3.) Ein Nachtrag in Sachen Sprache

Companion to success,
Companion to literary devices…,
Oder auch:

Wie wär’s mit einem neuen Handbuch für sprachliche Stilmittel? Metaphern, Idiome, Aphorismen, Abhandlungen oder aber: Vergleiche, Vergleiche, Vergleiche, Vergleiche, Vergleiche usw. – Vergleiche, welche so nur Edward St Aubyn einfallen können.
Man genießt sie, bewundert sie, ermüdet an ihnen, bis sie einen irgendwann ankotzen.

Oma Schramm zum 12. Geburtstag von Heshie. Sechs hitzebeständige, braunweiß gesprenkelte Backformen voller Würzfleisch mit Käse überbacken. Das Projekt: Sich einmal im Leben, so richtig daran satt futtern. Dreie hatter dann mit Ach und Krach geschafft …
Nur mal so als Vergleich.

WIE WIE WIE – meine Lieblingsvergleiche, hier erbarmungslos aus dem Kontext gerissen:

“Und all die vereinzelten Gedanken schnellten zusammen WIE lose Eisenspäne, wenn man einen Magneten darüberhält und er sie zur Form einer Rose zusammenzieht.”

“Heroin landete behaglich schnurrend auf seiner Schädelbasis und wand sich dunkel um sein Nervensystem, WIE eine schwarze Katze, die es sich auf ihrem Lieblingskissen gemütlich macht.”

Und der Ultimative überhaupt:

“Ein Bad ohne Drink, das war wie – wie ein Bad ohne Drink. Wozu sich verkünsteln oder Vergleiche finden?”

Genau.

Mr. St Aubyn ist wohl auch aufgefallen, dass es bisweilen etwas zu viel des Guten sein könnte. Glücklicherweise schert er sich aber herzlich wenig darum, schließlich fallen dem Mann die besten Bilder ein, die Heshie je gelesen hat. Letzterer ist auf jedes einzelne davon höllisch neidisch, auch wenn sie ihm in der Summe auf den Beutel gehen. Womit der Rezipient den Beweis antritt, dass auch ein Dresdner eine in sich zerrissene, multiple Persönlichkeit …, und / oder so dämlich sein kann, sich freiwillig als Narziss zu outen, siehe auch: Wenn ein Narzist sich selbstkritisch gibt, so ist das Tagesgeschäft, d.h. er ringt um Anerkennung, die Pulsfrequenz nur leicht erhöht, so wie immer …

Wieder zurück zu Mr. St Aubyn – dieser lässt Patrick einmal, vielleicht  vorsichtshalber, räsonieren:

“Vielleicht schoben Vergleiche dieselbe Idee nur schwach verschleiert hin und her, um den Eindruck eines fruchtbaren Handels zu erwecken. Sir Sampson Legend war der einzige ehrliche Freier, der je die Frauen gelobt hatte. ‘Reichen Sie mir ihre Hand, Fremde, ich will sie küssen; sie ist so warm und weich – weich wie was? Ganz wie die andere Hand, Fremde.’ Das war doch mal ein akkurater Vergleich. Die tragische Beschränkungen des Vergleichens. Das Blei im Herzen der Feldlerche. Die enttäuschende Krümmung des Raumes. Das Verhängnis der Zeit.”

Warum also so viel davon?
Nun, ansonsten passiert ja nicht viel. Wie auch, wenn man wie Patrick in der Verweigerungsfalle steckt:

“Natürlich konnte er noch immer auf die Party gehen, zu der Anne ihn eingeladen hatte, aber er wusste, dass er das nicht tun würde. Warum verweigerte er sich immer? Weigerte sich mitzumachen. Weigerte sich einzustimmen. Weigerte sich zu verzeihen. Sobald es zu spät war, würde er sich danach sehnen, auf diese Party gegangen zu sein. Er sah auf die Uhr. Erst halb Zehn. Der Zeitpunkt war noch nicht gekommen, aber sobald es so weit war, würde sein Verweigern in Bedauern umschlagen. Er konnte sich sogar vorstellen eine Frau zu lieben, vorausgesetzt, dass er sie zunächst verloren hatte.”

Echte Teilhabe verweigert der junge Melrose, seine Distanz zu den Dingen verschafft ihm jedoch eine manchmal bemerkenswerte geistige Klarheit:

“Wenn der Geist wie eine Kasse funktioniert, ist alles, was da herauskommt, zwangsläufig billig.”

Touché.

Im Morast der Armut, im Lebenskampf des Normalo-Mungo’s, muss man sich solch klare Gedanken, konträre Positionen, oder das viel beschworene  “einfach Darüberstehen” oft verkneifen, um schlicht – zu funktionieren. Siehe auch: Um was zu fressen zu haben. Das kann für verkorkste Seelen durchaus eine Gnade sein, Arbeit soll bekanntlich     frei machen, aber man kann dabei auch leicht zum Zombie werden. Der Verweis auf die in diesem Zusammenhang oft erwähnte sprichwörtliche Gelassenheit, hält einer Tiefenprüfung selten stand: Es verbirgt sich allzu oft Abstumpfung (s.o.), Ermüdung oder Resignation dahinter. Sofern noch ein Rest Wut vorhanden ist im HORST, und gerade kein Bahnhofsneubau oder Brückenprojekt zusammenschweißt,  dann rennt er eben montags wie wild durch DD. Die GEZ, alle Ausländer und die da, die da Oben …, det zieht immer!

Und Patrick? Den interessiert sowas einen Scheiß. Er leidet lieber wie ein Vieh unter Erkenntnissen, die er sich nun mal leisten kann:

“Wie konnte er sich denkend des Problems entledigen, wenn das Problem darin bestand, wie er dachte?”

Oder:

“Ich habe die ganze Nacht nachgedacht”, – wenn man das Denken nennen kann -, darüber, ob Ideen durch das beständige Bedürfnis zu reden entstehen, das gelegentlich durch die lähmende Gegenwart anderer Menschen erleichtert wird, oder ob wir im Reden einfach nur das äußern, was wir zuvor schon gedacht haben.”

Oder ganz, ganz fein zum Schluss:

“Er hegte (überdies) die (entgegengesetzte) Fantasie, dass er, würde er jeden Penny verlieren, aus der Notwendigkeit heraus, Geld zu verdienen, endlich den Sinn des Lebens entdecken würde.”  

Finds einfach raus, Patrick! Hesh’s Kontonummer ist die 2976893765 bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden.

Heiko Hesh Schramm

Zur kompletten Sendung.

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