Photo by Andy Menz

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Dynamo

HESH rezensiert Schwarzer Hals, gelbe Zähne von Veit Pätzug.

Mein Sohn Al fährt Stunt-Scooter, skatet wie der Teufel, BMX-Rad fährt er auch, und wenn die demnächst noch was neues rausbringen …, egal, jedenfalls hängen wir oft am Lingner rum. (Mitten im Zentrum von Dresden – Lingner-Allee – Dynamoland!) Ich glotz ihm zu, wenn er wie’n Wirbelwind über die Skaterbahn peest, lese dicke Wälzer über John F. Kennedy und betrinke mich entspannt. Eines Samstagnachmittags fluteten die Fans von Dynamo die Szenerie, wie ein endloser Strom aus schwarz-gelben Leibern. Nur’n paar Meter entfernt von mir und meiner eiskalten Bierbüchse, versammelte sich ‘ne Truppe Dresdner Ultras, jeweils auch mit ‘ner noch vollen Flasche in der Hand. Das war’s aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten …

Damit ihr euch das vorstellen könnt: ich seh’n bisschen aus wie’n Boxsportreporter aus Dallas, Texas, allerdings aus der Zeit so um zirka 1962: Hut und schmales Schlipschen, dazu auch noch, halt dich fest, Cowboy-Boots! Alles in allem wohl’n ziemlich krasser Aufzug für’n Rudel junger Kerle, die eher auf UMBRO Sweatshirts stehen …

Daher bekam ich von den Jungs auch’n paar Blicke ab, als wär ich vom Mars oder so. Mist. Ok, ich plusterte mich also künstlich ein bisschen auf und versuchte einen auf dicke Hose zu machen. Um das irgendwie hinzukriegen, stellte ich mir vor, ich wär, also, äh, mindestens ‘n Mafia-Killer. Batman is’ nun wirklich durch …

In Wahrheit, hatte ich natürlich den Arsch voll – Horden von jungen Typen mit Wut in den Augen lösen bei mir zuverlässig Anfälle von Blähdurchfall aus. Diesen von der Art, wo man nich’ weiß, ob’s nass rauskommt, Comprende? Für ‘nen kampferprobten Schisser also Flucht nach vorn: das Männlein mit Hut schlurfte betont lässig zu dem Pulk hin und, FUCK (!), bekam es doch tatsächlich hin zu fragen:

“Gegen wen spielen wir’n heute?”

Mindestens 7 Augenpaare nahmen mich ins Visier und wurden dunkelgrau.

Wir?
“Hackts, du Pansen?”

Ok, abgeloofen und bumm Ende.
Dabei fand ich die BILD-Schlagzeile damals doch selber voll zum Kotzen: Von wegen “WIR sind Weltmeister” und so’n Scheiß …

Veit Pätzug, welcher das vorliegende Buch zusammenstellte, hat kein Glaubwürdigkeitsproblem. Er ist mit Dynamo aufgewachsen, aber selbst für ihn war es am Anfang nicht so einfach, mit den Jungs ins Gespräch zu kommen.

Du gehörst dazu, oder eben nicht.

Gründe für gesundes Misstrauen sind reichlich vorhanden. Die manchmal etwas arg einseitige Berichterstattung deutscher Printmedien, mit ihrem Fokus auf tatsächliche oder angebliche Gewaltexzesse, das kennen und hassen die Fans bis zum Erbrechen. Ein schier endlos schwallender Strom aus einseitigem, immer fein zugespitztem, und, na klar, grundsätzlich von Außenstehenden abgelassenem Dünnschiß. Irgendwie hab ich’s heute rektal, und, ausgerechnet ich muss über Außenstehende herziehen …, der Punkt ist:

Über das Buch Schwarzer Hals, gelbe Zähne hat sich eigentlich niemand auszulassen.

Es gehört den Fans.

Purer ungeschönter Hardcore. Punkrock. Saftet wie Atze, die Schreibe, weil diejenigen zu Wort kommen, die wissen wovon sie reden. Dieses Buch liest sich, so wie es war und wie es hätte bleiben sollen, bevor der Ausverkauf einsetzte. Aber der lässt, egal in welchem Business, ja nie lange auf sich warten.

Pätzug führt in dem Buch Interviews mit Fan-Urgesteinen von Dynamo, mit Dresdner Ultras, aber auch mit Polizeieinsatzkräften. Und, er stellt die richtigen Fragen. Das muss man erstmal schnallen, wie der Mann sich selbst zurückhält. Nirgends ein Werten oder Moderieren für die liebe Außenwelt, kein Reingewasche, oder wie auch immmer geartete Rechtfertigungen für irgendwas in Richtung “interessierte” Öffentlichkeit. Den interviewten Jungs ist und bleibt eh scheissegal, was irgendein Gutmensch von ihnen denkt. Sie gewähren einen Einblick in ihre Sicht der Dinge, verweisen auf die speziellen Unterschiede unter den einzelnen Fan-Gruppierungen und beweisen einen erstaunlichen Sinn für Humor. Und, wie gesagt, sie offenbaren einen salsa-scharfen Riecher für alles, was nach kommerzieller Ausschlachtung stinkt.

Veit Pätzug gelingt mit diesem Buch etwas einzigartiges: Er legt eine Chronologie der Geschichte der Dresdener Fankultur vor, welche über reine Spielstände, glorreiche Auf- und bittere Abstiege, sowie die schlichte Identifizierung mit einer Mannschaft über den Verkauf von Fan-Artikeln, weit hinaus geht.

Die Geschichte eines Lebensgefühls.

In einem grandiosen FAZ-Bericht zum vorliegenden Buch steht’s voll auf die Zwölf. Ich zitiere:

“Bücher von Fußballfans und über Hooligans gibt es viele. Besonders aufregend sind sie oft nicht. Hier wird aber eine Mentalitätsgeschichte von später DDR, Wende und wiedervereinigtem Deutschland daraus – und es ist große, erschütternde Protokoll-Literatur, wie es sie seit den Siebzigern nicht mehr gegeben hat: Es ist das, was man hört, wenn man ein Stadion dröhnen hört – und wenn dann einer die einzelnen Stimmen herausfiltert und nach ihren Geschichten und Ansichten befragt.”

Was ist das eigentlich?
Fan sein.
Sicher für jeden etwas anderes.

Für manche Leute der Teil ihres Lebens, welcher sich zu deutsch: Freizeit schimpft. Eine Sache unter vielen anderen, welche das Leben so ausmachen. Eben: gute Unterhaltung, vor allem – wenns gut läuft. Aufstieg, Sieg, und nur zweh’e vor ei’m, am Bradwurschtschtand …

Für andere bedeutet Fan sein: ALLES. Auch und gerade, wenn’s Scheiße steht. Und diese, in meinen Augen, wirklichen Fans, die werden dann aktiv, organisieren sich, entwickeln Rituale die nur sie verstehen, weil, nur für sie sind ‘se da! Sie schieben Ihre Mannschaft an, ja mehr noch: Sie kämpfen mit.

Zitat eines Dresdner Ultras aus dem Buch:
“Ich würde sogar behaupten, wir holen dem Verein auch den einen oder anderen Punkt, mit der Masse und Stimmung, die bei Dynamo herrscht. Ich denke, wenn die Spieler wie in München so eine schwarz-gelbe Wand hinter sich haben, dann wissen die auch, wofür die rennen. Gerade auch die jungen Spieler, die herkommen, sind schon wirklich fasziniert, wie’s hier abgeht. In den letzten 10 Minuten, wenn’s noch mal eng wird, sitzt da keiner mehr, da steht die ganze Hütte und brüllt. Ich denke die Jungs kriegen da nochmal ordentlich Wind – und der Gegner auch leichte Beklemmung im Darmbereich.”
Zitat Ende.

Da haben wir’s wieder: “Darmbereich …”, zieht sich heute scheinbar durch den ganzen Text, dabei sind wir bei der ”braunen Soße” noch gar nich ma angelangt …

Zurück zum Fan sein.
Fan.
Sein.
Teil von “etwas” sein.

Letztendlich, gehts um Zusammenhalt. In guten und in schlechten Zeiten. Kannst du eigentlich auch mit deiner Frau haben, steht ja so im Ehegelübde, is’ aber äusserst selten. ODER in einer Band: Das ist der blanke Wahnsinn, denn da, kenne ich mich aus. Die Beatles haben mal, angesprochen auf ihren Erfolg, so geantwortet: “Weil wir vier waren!”

Dieses Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft, findest du auch unter Soldaten im Kampf. DIE kämpfen nicht für das Gesülze ihrer Generäle oder irgendwelcher schön im trockenen sitzenden Politiker, die pausenlos von einer ganz großen und natürlich immer gerechten Sache faseln. Nein, sie kämpfen für den Mann neben sich, an ihrer Seite, für ihre Einheit, die Kompanie.

Irgendeinen Sinn muss das Leben doch haben.
Für viele junge Leute in Dresden hat es aber keinen.
Jobs sind dünne gesät, ohne Kohle bist du draußen. Wenn du auch noch’n Querkopp bist, nicht brav und geräuschlos funktionieren willst, ja, am Ende noch etwas wirklich wildes in dir hast, dann kriegste die rote Karte und kannst maximal zum Arschamt schlurfen …

Was? Ist doch gar nicht so…? Es liegt an jedem selbst? Jeder ist seines Glückes Schmied? Alles klar, Friendo. Schon mal dran gedacht, das’n durchschnittlicher Zwanzigjähriger manchmal einfach keinen Bock auf Differenzierung hat? Für den zählt das gottverdammte Lebensgefühl hier, und das ist für die meisten Kotze.

Also suchen Sie sich was. Was ihnen gehört. Gleiche Interessen, gleiches Ziel, verschworene Gemeinschaft, und fertig is’ die Laube. Nenn’s ‘ne Family, wenn du so willst. Und diese Familie, die wird dann auch verteidigt.

Und für so manchen jungen Kerl im Osten, der immer nur hört, dass er das und das nicht hat, oder so und so scheiße is’, bedeutet es noch was anderes: In der Energie eines Schlages mit der Faust, mal für ‘ne Sekunde wenigstens, frei zu sein! Selber zu entscheiden, ob’s auch paar zurück in die Backen gibt.

Kannst DU alles finden wie du willst, soll der Staat doch die Jugend im Osten endlich mal fördern, gern auch die sogenannte Unterschicht in Prohlis und Gorbitz, und nach ‘ner Weile mal wieder ’n paar Interviews mit der Bullerei zum Thema Jugend und Gewalt führen, da wird der Zusammenhang dann sicher von irgendeinem Soziologen völlig neu entdeckt werden und der darf dann nach Frankfurt am Main zum Kongress fliegen …

Wem die soeben angerissenen Zusammenhänge weiterhin als zu simpel wiedergegeben erscheinen, dem pack ich mal noch ’n Nachschlag Klartext drauf:

Thema: Verherrlichung von Brutalität, hemmungsloses Ausleben von körperlicher Gewalt usw.

Auftritt: Der erlebnisorientierte Fan. Im Buch explizit darauf eingegangen im Abschnitt über einen gewissen Samstach Anno 2002 …
Mist, es bleibt leider simpel und einfach, siehe auch: Aggressionspotenzial. Das is’ drin im Menschen. Muss manchma raus.
So wie ficken wollen.
Also ein Wort zu diesem Thema. Männer gehen seit Jahrtausenden zu Frauen und bezahlen dafür, wenn die Ute keinen Bock mehr hat, oder noch schlimmer: es vielleicht gar keine Ute (mehr) gibt …

Damit das klar ist: Zur Prostituion gezwungene Frauen: Für Freier wie Zuhälter bitte: ein kräftiger Tritt in die Eier! Hingegen, freiwillig als Prostituierte arbeitenden jungen Damen gebührt und zwar jeder einzelnen anteilig, der fucking …, oder besser, genau: der Fick-Friedensnobelpreis. Wird nie einer rausfinden, wie viele Vergewaltigungen die Ladys tagtäglich so verhindern.

Und so isses auch mit dem Gekloppe:
Mit der Gegenseite, welche auch Bock drauf hat, ‘ne prima Sache. Natürlich nur solange die Dynamo-Fans die Oberhand haben …
😉

Kleiner Scherz …, und Spaß beiseite: Rassisten und Nazi-Geficke wünsche ich die nigerianische Mannschaft mit vollstem Körpereinsatz auf den Hals. Die können bei Herrn Lahm gerne nachfragen, wie sich das so anfühlt, in vollem Lauf umgenietet zu werden.

Apropo umnieten: Unbeteiligte sollten auch heil bleiben, weil, hm, das sind äh.., wie der Name ja sagt: Unbeteiligte.

Bleiben noch – die Bullen.
Niemand wird gezwungen, zb. Fahrkartenkontrolleur zu werden. Und, nun ja, zum Bereitschaftspolizisten unter dem verehrten Herrn Markus Ulbig, muß man eben auch ein bißchen geboren sein. Etwas von einem Krieger sollte da schon im Genpool herummäandern. Und manchmal, da gibts dann eben auch mal was uffn Helm.

Am Ende läufts darauf hinaus: Wer sät, wird ernten.

“Don’t take your gun to town” von Johnny Cash, erzählt in klaren Worten die alte Geschichte: Wer das Messer und die Knarre zieht, oder in DD Steine gegen Einsatzkräfte schleudert, der kann auch sein Gebiss einbüßen. Dann sieht er halt scheiße aus, und die Sandy aus Prohlis geht lieber mit Ronny mit.

So, gegen Ende das Rad etwas kleiner gedreht: Meistens ist es doch, einfach mal:
Provozieren! Auf den Fahnen riesengroß: ELB-KAIDA!
BRUTAL FANS – DYNAMO DRESDEN!
Geile Scheiße …!

Die Medien, diverse Schöngeister und der Freizeit-Fan, die wittern allesamt tiefere Bedeutung, etwas politisch zutiefst Inkorrektes.

Böse, Böse …
Dabei is’ es manchma einfach Fun, Alter!
D’NAAMO!!!!

Dynamo.
Für mich: zusammen mit meinem Sohn Al MDR Info Direktübertragung hören. Schreien, wenn die endlich mal wieder siegen!

Mitfiebern.
Nicht dazuzugehören? Kein Problem.
Die Welt von Schwarzer Hals, Gelbe Zähne is’ nich’ meine Welt.
Hab meine eigene, die der Musik. Das Brennen aber, für etwas zu brennen, sei’s für was auch immer, das macht den Unterschied, in einer immer faderen, beschisseneren Welt, in der es nur noch um Besitz zu gehen scheint.

Veit Pätzug hat ein Hammerbuch vorgelegt.
Der Mann sollte mal Kaltblütig von Truman Capote lesen, und einen guten Roman schreiben. Frauen und Männer mit Eiern, ob nun innen oder außen, die braucht das Land!

Heiko “Hesh” Schramm

Zur kompletten Sendung.

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